Entscheidungsstau, Loyalitätskonflikte, Double-Binds
Wann ist Entscheidungsstau kein Kommunikationsproblem?
Entscheidungsstau entsteht nicht automatisch durch mangelnde Kommunikation.
In vielen Organisationen wird intensiv gesprochen, abgestimmt, moderiert und erklärt – und dennoch bleibt Entscheidendes liegen.
Wann liegt kein isoliertes Kommunikationsproblem vor?
- wenn die fachliche Lösung bekannt ist
- wenn die Argumente ausgetauscht sind
- wenn die Risiken verstanden werden
- und dennoch keine tragfähige Entscheidung erfolgt
In diesen Fällen ist zusätzliche Kommunikation kein Hebel mehr. Sie erhöht im Gegenteil oft die Komplexität, verlängert den Schwebezustand und bindet weitere Akteure.
Entscheidungsstau ist dann Ausdruck einer strukturellen Blockade, nicht eines Gesprächsdefizits. Man hat es mit einem Elefanten im Raum zu tun. Auf einem hohe Anspannungsniveau stabilisiert sich höchstens noch ein Minimalkonsens. Zu hohen persönlichen und finanziellen Folgekosten.
Wann sind Loyalitätskonflikte intern nicht lösbar?
Loyalitätskonflikte werden häufig moralisch interpretiert: als mangelnde Klarheit, fehlende Haltung oder persönliche Schwäche.
Tatsächlich handelt es sich meist um systemische Bindungen, die gleichzeitig gültig sind.
Nicht intern lösbar sind Loyalitätskonflikte insbesondere dann, wenn:
- zwei oder mehr berechtigte Erwartungen einander ausschließen
- jede Entscheidung eine andere Seite sichtbar beschädigt
- die eigene Rolle historisch gewachsen ist und nicht mehr zur aktuellen Funktion passt
- Verantwortung getragen wird, ohne die zugrunde liegenden Loyalitäten selbst definieren zu können
Interne Klärungsversuche scheitern hier regelmäßig, weil alle Beteiligten Teil desselben Bindungsgefüges sind.
Das System kann sich nicht selbst von innen entkoppeln, ohne zusätzliche Verzerrungen zu erzeugen.
Wann sind Double Binds vor allem Governance-Fragen?
Double Binds werden oft als psychologisches oder zwischenmenschliches Phänomen behandelt.
In Organisationen sind sie jedoch in vielen Fällen Folge von Governance-Architektur.
Ein Double Bind liegt dann auf Governance-Ebene, wenn:
Verantwortung übertragen wird, ohne entsprechende Entscheidungskompetenz
- widersprüchliche Erwartungen gleichzeitig gelten und sanktioniert werden
- formale Regeln und informelle Erwartungen auseinanderfallen
- Transparenz gefordert wird, während Konsequenzen für Offenheit drohen
In solchen Konstellationen ist individuelles Verhalten nicht die Ursache, sondern der Austragungsort eines strukturellen Widerspruchs.
Coaching, Kommunikation oder Mediation greifen hier zu kurz, weil sie das Problem auf der falschen Ebene bearbeiten.
Wann ist externe Klärung ökonomisch sinnvoll?
Externe Klärung ist keine Frage von Hilfe oder Unterstützung, sondern von ökonomischer Rationalität.
Systemische Beratung und Executive Coaching sind insbesondere dann sinnvoll, wenn:
- Nicht-Entscheiden fortlaufend Kosten verursacht
- Energie, Aufmerksamkeit und Führungszeit gebunden werden
- Risiken getragen werden, ohne dass sie bewusst entschieden wurden
- Entscheidungen implizit getroffen werden, ohne Verantwortung zuzuordnen
In diesen Situationen entstehen Opportunitätskosten, die selten bilanziert, aber dauerhaft wirksam sind.
Externe Klärung schafft keinen Konsens, sondern Entscheidungsfähigkeit – oder macht transparent, warum eine Entscheidung aktuell nicht tragfähig ist.
Beides ist wirtschaftlich belastbarer als ein fortgesetzter Schwebezustand.
Wenn Sie nach dem Lesen dieser Punkte erkennen, dass mindestens einer davon Ihre aktuelle Situation präzise beschreibt, ist das kein persönliches Defizit – sondern ein Hinweis auf eine systemische Konstellation, die sich nicht durch weiteres Bemühen auf derselben Ebene auflösen lässt.
