Das Key Person Risk in der Unternehmensnachfolge: der unsichtbare Deal‑Breaker

Das Key Person Risk ist im deutschsprachigen Mittelstand eines der am meisten unterschätzten Risiken in der Unternehmensnachfolge – sowohl aus Sicht der Unternehmerfamilie als auch aus Sicht von Käufern, Banken und Investoren. Gemeint ist die existenzielle Abhängigkeit eines Unternehmens von wenigen Schlüsselpersonen, deren Ausfall oder Rückzug Unternehmenswert, Stabilität und Zukunftsfähigkeit massiv gefährden kann. In der Praxis entscheidet der Umgang mit dem Key‑Person‑Risk oft darüber, ob eine Nachfolge reibungslos gelingt oder in der Due‑Diligence‑Phase als Deal‑Breaker endet.

Verantwortung im Unternehmen

Wer ist im Unternehmen wofür verantwortlich – und wer weiß es?

Was genau ist das Key‑Person‑Risk in der Nachfolge?

Das Key‑Person‑Risk bezeichnet das Risiko, dass der Ausfall einer oder weniger Personen zentrale Funktionen im Unternehmen lahmlegt und damit Wert, Ertrag und Kontinuität gefährdet. Typisch ist eine starke Konzentration von Wissen, Kundenbeziehungen, Entscheidungskompetenz und Vertrauen auf wenige Menschen – häufig auf die Inhaberin oder den Inhaber und einzelne langjährige Mitarbeiter. In einer Unternehmensnachfolge wirkt dieses Risiko doppelt: Es gefährdet sowohl den laufenden Betrieb als auch den gesamten Übergabe‑ und Transaktionsprozess.

Wo wird das Key‑Person‑Risk im Alltag sichtbar?

Das Key‑Person‑Risk zeigt sich auf den 4 Ebenen operativ, strategisch, finanziell und emotional.

  • Operativ, wenn bestimmte Abläufe nur funktionieren, solange eine einzige Person ansprechbar ist.
  • Strategisch, wenn Wachstums‑, Innovations‑ oder Kundenstrategien faktisch an einer Person hängen.
  • Finanziell, wenn Umsatz, Marge und Cashflow deutlich einbrechen würden, wenn eine Person ausfällt.
  • Emotional, wenn Loyalitäten, unausgesprochene Verpflichtungen und alte Konflikte verhindern, Verantwortung zu verteilen.

In Unternehmerfamilien ist das Key‑Person‑Risk oft eng mit der Geschichte des Unternehmens und persönlichen Biografien verknüpft. Deshalb wird es selten offen angesprochen.

Was wissen Unternehmensberater über das Key‑Person‑Risk?

Das Wissen ist vorhanden, aber oft eher abstrakt. Auf der fachlichen Konsensebene bestehen einige weit verbreitete Aussagen über das Key‑Person‑Risk.

  • Unternehmen tragen ein erhebliches Risiko, wenn zu viel Wissen und Verantwortung bei einzelnen Personen gebündelt ist.
  • Das Key‑Person‑Risk wird als Teil des operativen, personellen und reputationsbezogenen Risikos verstanden.
  • Standardmaßnahmen sind Dokumentation, Vertretungsregelungen, Cross‑Training und teilweise spezielle Versicherungen.
  • In Due‑Diligence‑Prüfungen gehört das Key‑Person‑Risk zu den typischen Prüffeldern im Bereich Organisation und Management.

Diese Sichtweise bleibt häufig auf der Ebene von Checklisten und Verträgen stehen und verfehlt damit die eigentliche Tiefe des Problems.

4 Fragen, an denen Verantwortliche das Key‑Person‑Risk erkennen können:

Diese 4 Fragen sind zentral – und sie müssen beantwortet sein, bevor ein externer Käufer oder eine Bank den verkaufsbereiten Unternehmensinhaber direkt darauf anspricht.

1. Was passiert, wenn eine Schlüsselperson von heute auf morgen ausfällt?

Ein deutliches Warnsignal besteht, wenn ohne die Freigabe der Inhaberin, des Inhabers oder einer einzelnen Führungsperson kaum etwas entschieden wird und zentrale Informationen nur dieser Person zugänglich sind. In solchen Fällen zeigt sich, ob Prozesse dokumentiert sind, ob ein Vertretungskonzept existiert und ob andere Personen entscheidungsfähig sind oder lediglich mitlaufen.

2. Wie stark hängen Umsatz und Kundenbeziehungen an einzelnen Personen?

Wenn einzelne Personen bestimmte Kunden praktisch exklusiv betreuen, prüfen Käufer sehr genau, ob diese Kundenbeziehungen nach einer Übergabe stabil bleiben oder ob Abwanderungsrisiken bestehen. Eine hohe Konzentration von Umsatz auf persönliche Beziehungen einzelner Personen erhöht das Key‑Person‑Risk und wirkt sich unmittelbar auf Bewertung und Vertragsgestaltung aus.

3. Welche Entscheidungen werden noch zentralisiert, obwohl sie im Team liegen könnten?

Überlastete Geschäftsführungen, in denen nahezu alle operativen und strategischen Entscheidungen an einer einzigen Person hängen, sind ein klares Signal für ein ausgeprägtes Key‑Person‑Risk. Für Nachfolger und Investoren wird dann fraglich, ob das Geschäftsmodell ohne diese zentrale Person in gleicher Qualität fortgeführt werden kann. Dies hat mit Micromanagement zu tun.

4. Welche Konflikte oder Tabus blockieren eine neue Verantwortungsverteilung?

Unausgesprochene Spannungen in Unternehmerfamilien oder zwischen Gesellschaftern und Schlüsselmitarbeitern führen häufig dazu, dass das Key‑Person‑Risk zwar erkannt, aber nicht aktiv bearbeitet wird. Solange bestimmte Themen als Tabu gelten, bleibt die Organisation formal stabil, aber faktisch fragil.

Tradition im Unternehmen

Unternehmenstradition und Familientradition hoch im Kurs

Mit welchen 5 Parametern bewerten Käufer, Banken und Investoren das Key‑Person‑Risk?

Für potentielle Käufer, Private‑Equity‑Investoren und Banken ist das Key‑Person‑Risk ein harter Bewertungsfaktor. In Unternehmensbewertungen und Due‑Diligence‑Prozessen werden insbesondere folgende Punkte geprüft:

  1. Bindung von Umsätzen und Ergebnissen an einzelne Personen
  2. Abhängigkeit zentraler Kunden‑ und Lieferantenbeziehungen von persönlichen Kontakten
  3. Vorhandensein einer belastbaren zweiten Führungsebene
  4. Qualität von Dokumentation, Systemlandschaft und Vertretungsregelungen
  5. Handlungsfähigkeit des Unternehmens bei unerwartetem Ausfall einzelner Personen

Die Konsequenzen eines hohen Key‑Person‑Risks reichen von deutlichen Abschlägen auf den Kaufpreis über Earn‑Out‑Konstruktionen bis hin zum Scheitern der Transaktion. Berechnen Sie hier die möglichen Abschläge auf den Verkaufspreis des Unternehmens mit unserem Online-Rechner: Unternehmenswert berechnen mit Key Person Risk Audit (Real-Wert)

Warum reichen klassische Maßnahmen zur Verringerung des Schlüsselpersonenrisikos oft nicht aus?

Der „Ernstfall“ wird nicht ernst genommen. Das ist die einfache Antwort. Viele Unternehmen reagieren auf das Key‑Person‑Risk mit naheliegenden, aber unvollständigen Schritten.

  • Erstellung von Notfallordnern und Prozessdokumentation.
  • Formale Vertretungsregelungen für Schlüsselpositionen.
  • Abschluss einer Versicherung auf das Leben oder die Arbeitskraft bestimmter Personen.

Diese Maßnahmen sind zwar sinnvoll, aber sie greifen zu kurz, wenn grundlegende Fragen der Verantwortungsverteilung, Entscheidungsstrukturen und Unternehmenskultur ungelöst bleiben. Solange das Unternehmen informell an wenigen Personen hängt, bleibt das Key‑Person‑Risk bestehen – unabhängig von Ordnern, Richtlinien oder Policen.

Mit wechen 5 Schritten reduzieren Sie das Key‑Person‑Risk systematisch?

Schlüsselpersonen identifizieren, Abhängigkeiten analysieren, zweite Führungsebene etablieren, Wissen und Entscheidungswege verfügbar machen, Szenarien und Notfallpläne entwickeln und griffbereit zur Verfügung stellen. Das sind die 5 Schritte.

  1. Schlüsselpersonen identifizieren
    Neben den offiziellen Organigrammen wird betrachtet, wer in der Praxis über welche Informationen, Beziehungen und Entscheidungsbefugnisse verfügt.
  2. Abhängigkeiten analysieren
    Es wird geprüft, welche Prozesse, Projekte und Umsatzanteile unmittelbar betroffen wären, wenn eine dieser Personen kurzfristig ausfällt.
  3. Zweite Führungsebene aufbauen
    Führungskräfte und Mitarbeiter werden gezielt entwickelt, um Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen eigenständig zu treffen.
  4. Wissen und Entscheidungen institutionalisieren
    Wissen wird dokumentiert, Prozesse werden klar beschrieben, Zuständigkeiten werden verbindlich geregelt und Entscheidungswege transparent gemacht.
  5. Szenarien und Notfallpläne definieren
    Für den Ausfall zentraler Personen werden konkrete Szenarien mit klaren Zuständigkeiten, Kommunikation und Übergabe‑Schritten entwickelt.

Typische Situationen, in denen das Key‑Person‑Risk kritisch wird

Wenn alles an der Unternehmerin oder dem Unternehmer hängt

Viele mittelständische Unternehmen sind so aufgebaut, dass Kunden, Mitarbeiter und Banken die Unternehmerpersönlichkeit als zentrale Instanz wahrnehmen. Fällt diese Person aus oder zieht sich zurück, entsteht das Risiko eines „Herzinfarkts“ für das Unternehmen. In der Nachfolgephase wird dann deutlich, wie wenig Entscheidungs‑ und Steuerungsfähigkeit institutionell verankert ist.

Wenn einzelne Mitarbeiter das Unternehmen operativ tragen

In zahlreichen Betrieben steuern einige wenige Mitarbeiter faktisch die IT‑Landschaft, den technischen Betrieb oder Großkundenprojekte. Ohne Vertretungsregelung, Wissensdokumentation und klare Nachfolge in diesen Positionen ist das Unternehmen bei Wechsel oder Ausfall dieser Personen akut gefährdet.

Wenn familieninterne Nachfolge und Key‑Person‑Risk zusammentreffen

Bei familieninternen Nachfolgeregelungen kommt zu den sachlichen Risiken eine emotionale Ebene hinzu. Die benannte Nachfolgerin oder der benannte Nachfolger übernimmt Verantwortung, während bestimmte Schlüsselpersonen oder Teile der Belegschaft stille Vorbehalte haben oder an der bisherigen Führung hängen. So entsteht ein Geflecht aus Loyalitäten und Spannungen, das das Key‑Person‑Risk verstärken kann.

Häufige Fragen zum Key‑Person‑Risk in der Unternehmensnachfolge

Wie lässt sich erkennen, ob das Key‑Person‑Risk besonders hoch ist?

3 Indikatoren für ein hohes Key‑Person‑Risk:

  • wenn viele Abläufe von einer Person freigegeben werden müssen
  • wenn zentrale Informationen nur wenigen Menschen bekannt sind und
  • sobald längere Ausfälle dieser Personen kaum vorstellbar erscheinen. Spätestens wenn die Führungsebene nicht ohne weiteres für mehrere Wochen entbehrlich ist, sollte das Thema strukturiert analysiert werden.

Wie wirkt sich das Key‑Person‑Risk auf die Unternehmensbewertung aus?

Je stärker der Erfolg eines Unternehmens an Einzelpersonen gebunden ist, desto skeptischer sind potenzielle Käufer und Banken. In Bewertungsmodellen führt ein ausgeprägtes Key‑Person‑Risk regelmäßig zu Abschlägen, strengeren Vertragsklauseln und höheren Anforderungen an Eigenkapital oder Sicherheiten.

Reicht eine Versicherung aus, um das Key‑Person‑Risk abzudecken?

Versicherungen können finanzielle Folgen eines unerwarteten Ausfalls abmildern, ersetzen jedoch nicht die Funktionen, Entscheidungen und Beziehungen, die an einer Person hängen. Ohne strukturelle Anpassungen in Organisation, Prozessen und Verantwortung bleibt das Unternehmen trotz Police verwundbar.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, das Key‑Person‑Risk anzugehen?

Idealerweise wird das Key‑Person‑Risk mehrere Jahre vor einer geplanten Übergabe systematisch bearbeitet. Je früher die Abhängigkeit von Einzelpersonen reduziert wird, desto stabiler präsentiert sich das Unternehmen in Nachfolge‑ und Transaktionsprozessen und desto eher können Wertsteigerungseffekte realisiert werden.

Wie Sie das Key‑Person‑Risk senken

Für Unternehmer, Gesellschafter sowie Nachfolger ist das Key‑Person‑Risk ein zentrales Thema, wenn die Zukunft eines Unternehmens und seiner Arbeitsplätze gesichert werden soll.

In einem vertraulichen Erstgespräch klären wir, wie ausgeprägt das Key‑Person‑Risk im konkreten Fall ist und welche Schritte in den kommenden Monaten sinnvoll sind, um Nachfolge‑ und Transaktionsfähigkeit herzustellen.

Mein Angebot als systemischer Supervisor und Exeutive Coach (zertifiziert von SG und IGST):

Klärung der persönlichen Beweggründe für hohes Involviertsein von Gründerpersonen

Vordergründig kann es so aussehen: „Diese Person kann nicht loslassen.“ Das ist eine stark verkürzte Beschreibung, die dem Phänomen der Unternehmerpersönlichkeit nicht gerecht wird. Lesen Sie hier, warum Gründer aus gewichtigen Gründen ihr Lebenswerk nicht loslassen können – und was hilft.

Unternehmensnachfolge kann ein hochemotionales Thema sein. Oft geht es um ein Lebenswerk. Respekt und Wertschätzung sind die Schlüssel zu einem gelingenden Abschied aus vertrauten Rollen.

Kronleuchter

Der Kronleuchter als Echo aus den Zeiten, in denen Geschäftsabschlüsse gefeiert wurden, Expansionen beschlossen – und die Nachfolge noch lange kein Thema war.

Ich definiere das „Festhalten“ an „alten Rollen“ als eine hyperdominante Kompetenz. Nur wer sich zu 100 Prozent mit seinem Unternehmen identifiziert, kann es aufbauen und führen. Es ist eine realitätsferne Annahme, eine Unternehmerpersönlichkeit könnte ihre multiplen Führungsrollen eines Tages abgeben wie den Schlüssel zu einem Leasingauto, dessen Vertrag endet.

Daher: Nachfolgecoaching beginnt bei der ausgiebigen Würdigung der Person, auf die andere Personen folgen. Die von mir angebotene Psychologische Due Diligence in der Unternehmensnachfolge kann der zentrale Schlüssel zu einer gelingenden Unternehmensübergabe sein.

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Johannes Faupel – Systemische Supervision und Executive Coaching in Frankfurt

Über Johannes Faupel

Johannes Faupel ist systemischer Supervisor, Therapeut und Executive Coach (zertifiziert durch die Systemische Gesellschaft SG und die Internationale Gesellschaft für Systemische Therapie IGST). Er begleitet Unternehmer, Gesellschafter und Führungskräfte in Fragen der Unternehmensnachfolge, des Key‑Person‑Risk und der Führungsverantwortung.

Mit seinem Schwerpunkt auf Entscheidungsqualität und systemischer Klärung verbindet er betriebswirtschaftliche Perspektiven mit tiefem Verständnis für Unternehmens- und Familiendynamiken in Nachfolgesituationen.

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